Ecomare oder Annie und ich – eine Adoption auf Texel

Bei meinen bisherigen Besuchen auf Texel hatte ich keine Gelegenheit, eine der großen Attraktionen der Insel zu besuchen – Ecomare. In diesem Jahr waren wir jedoch mit einem befreundeten Ehepaar unterwegs, und so haben die beiden Männer an einem Nachmittag die Hunde gehütet (sie waren in der Texel-Brauerei und kamen recht fröhlich davon zurück – ich habe nicht gefragt, was Dayo, Suri und Boomer in der Zeit gemacht haben), während Marianne und ich das Informationszentrum über das Wattenmeer und das Auffangzentrum für verletzte Robben besucht haben.

Ecomare liegt in den Dünen umweit von De Koog, ist gut ausgeschildert und wurde 1952 als Auffangstation für verletzte Robben und Heuler gegründet. Bis heute werden hier verletzte Tiere gesund gepflegt und wieder ausgewildert. Robben, die nicht mehr in Freiheit überleben würden, finden hier eine Heimat auf Lebenszeit.Der Aussenbereich ist weitläufig und an diesem Donnerstagnachmittag im September nur mässig besucht. Wir nehmen uns ausreichend Zeit, alles in Ruhe anzuschauen und uns durch die vielen Informationstafeln zu lesen, die dreisprachig (Niederländisch, Deutsch und Englisch) gestaltet sind. So leben hier beispielsweise dauerhaft Michael und Dennis – zwei Schweinswale, denen wir durch das Unterwasserfenster im Untergeschoss eine Weile dabei zusehen, wie sie pfeilschnell und elegant ihre Runden durch das Becken ziehen. Es ist fast so, als präsentierten sie sich bestmöglich, damit die komischen zweibeinigen Tiere, die da tagtäglich ihre Nasen am Fenster platt drücken, mit ihren schwarzen kleinen Kameras gut Fotos machen können.

Kegelrobben waren jahrhundertelang im Wattenmeer ausgerottet 

Dann geht es weiter zu Bram, Fokje und Annie. Die drei Kegelrobben haben hier ebenfalls ein Zuhause auf Lebenszeit gefunden. Bram wurde 1973 geboren und ist damit die älteste Robbe in Ecomare. Sie lässt sich auch mal ganz gerne die Sonne auf den Bauch scheinen.
Dann ist da Fokje, der 1992 als blindes Jungtier hier ein Zuhause fand.
Und dann ist da noch Annie. Sie ist erst sieben Jahre alt und damit das Nesthäkchen der Dreiergruppe.Sie ist sehr aktiv und verspielt. Bei den Fütterungen liebt sie es beispielsweise, zu einem Fisch hoch zu springen. Mich haben alle Robben sehr fasziniert, aber ganz besonders mag ich die Kegelrobben, die auch „graue Seehunde“ genannt werden. Irgendwie ruht die so unterschiedlich zusammen gesetzte Dreiergruppe in sich selbst und ist allem Anschein nach mit dem Leben so zufrieden. Im Wattenmeer waren die Kegelrobbe für Jahrhunderte verschwunden. Vermutlich ausgerottet durch den Menschen. Seit den 1980ern sind sie wieder zurück im Wattenmeehr. Es gibt eine riesige Gruppe, die auf einer Sandbank zwischen Vlieland und Terschelling lebt. Und sie leben auch wieder auf Sandbänken im deutschen und dänischen Wattenmeer.

Hilfe für Seehunde

Jeder, der auf Texel oder irgendwo anders and der Küste von Noord-Holland einen kranken Seehund oder einen Heuler findet, sollte Ecomare benachrichtigen. Die Tierpfleger kommen so schnell sie können, um sie abzuholen. Bei Ecomare werden sie zunächst tierärztlich untersucht und kommen in Quarantäne, damit sie keine Infektionen auf andere Seehunde übertragen können.Dann werden sie mit anderen Robben zusammen aufgepäppelt, bis sie für eine Entlassung in Freiheit bereit sind. An den Beckenrändern steht zu jedem Tier, wo und wann es gefunden wurde.

Mit diesen Transportkisten werden die Seehunde dort abgeholt, wo sie gefunden wurden.

Übrigens: Wenn ihr einmal einen Seehund am Strand findet, versucht bitte nicht, das Tier selbst zu fangen. Seehunde haben scharfe Zähne und können Krankheiten übertragen, die für den Mensch gefährlich sind.Auch verletzte Seevögel finden hier einen ruhigen Platz mit Vollpension und werden gesund gepflegt.

Auf die Plätze, fressen, los …

Ein tolles Spektakel sind die öffentlichen Fütterungen der verschiedenen Seehundgruppen, und auch wir haben uns um 15.30 Uhr gespannt am Beckenrand eingefunden.Kaum hat sich die Tierpflegerin mit dem reich gefüllten Fischeimer in das Becken begeben, drängeln sich alle Seehunde aufgeregt um sie, damit sie nur ja gar keinen Fisch verpassen. Die Tierpflegerin stellt jeden ihrer Schützlinge mit Namen vor und erzählt deren Geschichten. Fast scheint es so, als wollen sich die Seehunde gegenseitig übertrumpfen in der Hoffnung, eine Extraportion Fisch ergattern zu können.

Ich bin mir nicht sicher, ob es diese Fütterungen in der Hauptsaison auch in deutscher oder englischer Sprache gibt. An diesem Donnerstagnachmittag sprach die junge Dame niederländisch. Auch wenn ich nicht alles verstehen konnte, habe ich doch die groben Zusammenhänge gut mitbekommen. So manch einem Seehund sieht man deutlich an, warum er in Ecomare ein Zuhause auf Lebenszeit hat, denn einige sind blind oder wurden so schwer verletzt, dass sie in Freiheit gar nicht überleben könnten.

Spaziergang durch den Dünenpark

Ich persönlich kann ja gar nicht genug bekommen von Spaziergängen durch die Dünen. Und auch das ist bei Ecomare möglich. Es gibt einen Kinderwanderweg von rund einem Kilometer Länge, auf der es einige Mitmach-Stationen für die Kleinen gibt.Außerdem gibt es noch eine etwa zwei Kilometer lange Binnendünenwanderung, die über über die Pflanzen und Tiere informiert, die in einer solchen Umgebung leben. Wenn ihr nicht so verschlafen seid wie ich, ladet ihr euch einen digitalen Führer auf euer Smartphone runter, der als kostenlose App verfügbar ist. In der Hauptsaison gibt es übrigens regelmässig geführte Exkursionen, die kostenlos sind. 
Ich habe mal wieder etwas gepennt und leider erst nach unserem Besuch gesehen, dass es diese App gibt … 😉 … wir haben uns daher alles an den Schautafeln „erlesen“.
Gut gefallen hat mir auch die Plaggenhütte. So werden die Häuser genannt, deren Wandfüllungen und Dacheindeckungen hauptsächlich aus übereinander gestapelten Grassoden oder aus getrockneten Torfplaggen bestehen. Solche Behausungen entstanden in der Regel dort, wo es andere Baustoffe wie Holz oder Stein nicht in ausreichenden Mengen vorhanden waren.

Lebensraum Nordsee und Wattenmeer

Dann ist es Zeit, sich vom Außenbereich zu verabschieden und das Innere von Ecomare zu besichtigen. Hier gibt es große, offene Meeresaquarien, die von zahlreichen Fischarten, kleinen Haien, Seesternen, Muscheln und Krebsen bevölkert sind.Außerdem wird ausführlich über den Lebensraum Nordsee und Wattenmeer informiert sowie über die Vergangenheit und aktuelle Bedrohungen dieses Lebensraumes. Die vielen Stationen, an denen wir beispielsweise spüren konnten, wie sich ein Seehundfell anfühlt, machen nicht nur kleinen Besuchern Freude.
Besonders gut gefallen, hat mir auch der Walsaal, den es noch gar nicht so lange gibt. Ganz in blaues Licht getaucht, laufe ich hier durch die Skelette von Walen und Delfinen, die alle in Texel an Land gespült wurden. Dieser Saal wurde von einem Pottwal zu 100 Prozent finanziert. Ihr glaubt mir das nicht? Es ist aber die Wahrheit. 2012 wurde ein riesiger Pottwal an den Strand gespült. Beim Ausnehmen wurde ein großer Klumpen Amber gefunden. Zu den Lieblingsspeisen von Pottwalen zählen Tintenfische. Diese sind jedoch nicht ganz so weich, wie sie uns glauben machen. Sie haben einen harten Hornkiefer, der in der Regel wieder ausgeschieden wird, weil sich das Horn nicht verdauen lässt. Es kommt jedoch vor, dass dieses Material nicht wieder ausgeschieden kann. Dann verklumpt es im Magen des Wales und wird durch bestimmte Körpersubstanzen zu Amber verarbeitet. Amber zählt zu den teuersten Substanzen der Welt und dient als Duftstoff für Parfums. Ein Kilo dieses seltenen Materials kann eine fünfstellige Summe einbringen. In dem gestrandeten Pottwal wurden damals 83 Kilogramm Amber gefunden. Mit dem Erlös aus dem Verkauf wurde der Walsaal bezahlt. Tolle Geschichte, oder?

… und dann ist da noch die Sache mit Annie …

Ecomare nimmt jährlich rund 100 Seehunde und Kegelrobben auf, um sie gesund zu pflegen und nach Möglichkeit wieder in die Freiheit zu entlassen. Wie bereits erwähnt, finden hier auch Tiere ein Zuhause auf Lebenszeit, die in Freiheit nicht mehr zurecht kommen würden. Das muss alles irgendwie finanziert werden. Zugegebenermaßen gebe ich ab und zu auch Geld für Unsinn aus … macht ja jeder mal, denke ich! Warum nicht ein- oder zweimal auf Unsinn verzichten und einen Seehund, eine Kegelrobbe oder einen Schweinswal adoptieren?Ich habe mich spontan dazu entschlossen, die Kegelrobbe Annie zu adoptieren. Mit dieser symbolischen Adoption spende ich ab sofort jährlich 48 Euro. Natürlich unterstütze ich damit nicht nur Annie, sondern die gesamte Seehundeauffangstation. Die Pflege und Aufzucht der Tiere umfasst weit mehr als nur das Futter (so eine Kegelrobbe frisst beispielsweise drei bis fünf Kilo Fisch pro Tag). So müssen auch Kosten für die Unterkunft, die Tierarztbehandlungen, die Sorge für eine gute Wasserqualität und das regelmäßige Reinigen der Becken finanziert. Vieles davon geschieht mit Spendengeldern. Ich habe ein kleines Informationspäckchen erhalten, das neben einem schönen Foto von Annie, Informationen zum Leben der jungen Kegelrobbe enthält sowie eine ausführliche Informationsbroschüre über Seehunde (in deutscher Sprache), zwei Berichte über Ecomare und eine schön illustrierte Lebensraumkarte (beides in niederländischer Sprache). Soweit ich es verstanden habe, werde ich ab sofort regelmäßig über die Entwicklung bei Ecomare informiert und kann einmal im Jahr Annie und die anderen Tiere kostenlos besuchen (so lange, wie ich meinen Spenden-Dauerauftrag laufen lasse). Das Foto von Annie hängt mittlerweile in meinem Büro, und ich hoffe, dass ich sie im kommenden Jahr besuchen kann.

Fazit

Ich kann wirklich nur jedem empfehlen, Ecomare einen Besuch abzustatten. Es ist natürlich ein toller Ort für Kinder, aber Erwachsene kommen hier auch auf ihre Kosten – zumindest, wenn sie Tiere lieben und am Lebensraum Nordsee interessiert sind … 😉 … Marianne und ich haben rund 3,5 Stunden hier verbracht und die Robbenfütterungen ganz besonders genossen. Wenn es aber nicht schon 17 Uhr gewesen wäre, wären wir auch noch ein wenig länger geblieben.Ach so, beim nächsten Mal will ich unbedingt noch die Audiotour machen. Die ist mit einem Euro ja auch äußerst erschwinglich. 

Weitere Informationen:

  • Ecomare ist täglich von 9.30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 12,75 Euro pro Person, Kinder zwischen vier und zwölf Jahren schlagen mit 8,75 Euro zu Buche und Kinder bis drei Jahre dürfen kostenlos mitgenommen werden. Wer sein Ticket online kauft, spart fünf Prozent.
  • Abgesehen von Assistenzhunden ist das Mitnehmen von Hunden nicht erlaubt.
  • Ecomare ist auf Spenden angewiesen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um die Auffangstation zu unterstützen. Abgesehen von verschiedenen Möglichkeiten der Adoption/Patenschaft könnt ihr beispielsweise für zehn Euro einen Eimer Fisch kaufen. Davon kann ein Jungtier vier Tage lang fressen.
  • Alle Informationen rund um Ecomare findet ihr unter www.ecomare.nl

Offenlegung: 

Das VVV Texel hat sich für meine vielen Beiträge über diese wunderbare Insel bedankt und mir zwei Eintrittskarten für Ecomare geschenkt. Vielen Dank dafür.

 

Schreibe einen Kommentar


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen